Über den Ursprung der sogenannten „Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft“

Ein Exposé von Dr. J. W. Ernst, 1977
Neuauflage 1980. Mit Vorwort und Nachwort – Ausblick

Verlag für Art und Kunst
D 7502 Malsch
INHALT

Vorwort : Seite I

Über den Ursprung der sogenannten „Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, Seite 1
Anhang, Seite 30
Nachwort, Seite 36
Vorwort zur Neuauflage 1980

Die nachfolgende Darstellung war bisher „Nur vom Verfasser persönlich zu beziehen“. Sie war nirgends annonciert oder buchhändlerisch aufgelegt und wurde nur an Interessenten, mit denen sich dem Verfasser ein direktes Gespräch über das Thema ergeben hatte, abgegeben. Einige, die das Heft erwarben, gaben es an Bekannte, und einige gaben auch des Verfassers Adresse weiter oder bestellten bei ihm Exemplare zwecks Weitergabe. Auf diese Weise erschöpfte sich die Auflage ohne jeden veröffentlichten Hinweis.

Eine um Weihnachten 1979 erschienene Arbeit von Rudolf Saacke, „Der 8. Februar 1925“ (vgl. hier, S.39) enthält nun in ihrem Literaturverzeichnis den Hinweis: „Dr.J.W.Ernst, Über den Ursprung der sogenannten ‚Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft‘, 1977, Exposé, vom Verfasser zu beziehen“. – Damit ist die Nichtöffentlichkeit ohne mein Zutun durchbrochen, und es bleibt mir nur, meine Darstellung öffentlich zugänglich zu machen. Zumal der ortlose Hinweis „Vom Verfasser zu beziehen“ sonst rätselhaft bliebe.

Grund zu der bisher beobachteten Zurückhaltung war, daß eine bestimmte geistige Macht die in diesem „Exposé“ angestrebten Klärungen nicht wollte und sich gewalthaft dagegen stellte. Dem Verfasser seinerseits liegt es fern, seine Darstellung aufzudrängen oder sie durchsetzen zu wollen. Er wollte sie aber eindringlich zu Wort kommen lassen, wo Interesse dafür besteht,- Die Funktion des „Exposé“ läßt sich daher einem besorgt-intensiven, aber stimmlich gedämpften Weckruf vergleichen. Ein solcher Ruf will das Ohr Wachender erreichen, aber die Schlafenwollenden ruhen lassen.

Diese Einstellung wird sich nicht ändern. Denn: „Bevor das Ohr vermag zu hören, muß die Empfindlichkeit ihm schwinden“.

Doch es hat sich nun gezeigt, daß trotz jener geistigen-ungeistigen Macht, die es bekämpfte, ein drängendes Interesse en der Klarheit und Wahrheit immer mehr wach, wird. Die nunmehr zu veröffentlichende Neuauflage will dem entgegenkommen.

Ziel und Sinn der Darstellung ist zunächst die biographische Klärung eines bestimmten Ereignisses. Eines Ereignisses, das sein schicksalhaftes Gewicht dadurch hat, daß es die Tat einer Gegen-Initiative war gegen die soziale Schöpfung Rudolf Steiners: die von ihm en Weihnachten 1923 zusammen mit einer Urversammlung gegründete

(zweite) „Anthroposophische Gesellschaft“, die er damals als „Allgemeine“, näher bezeichnete, doch war ihm das Adjektiv nicht in Jeder Beziehung Bestandteil des Namens.

Diese soziale Schöpfung Rudolf Steiners, wo ist sie? – Die Frage läßt sich gültig nur beantworten durch Betrachtung des genannten Gegen-Ereignisses, welches das Schicksal der Gründung Rudolf Steiners seit mehr als einem halben Jahrhundert tragisch, hemmend, verwirrend bestimmt hat und dies hat tun können, weil Rudolf Steiner starb und weil die Wirkung der Gegenmacht seither nicht erkannt, ja diese Erkenntnis gescheut worden ist.

Die Folge war, daß das Gegenereignis auf Rudolf Steiners eigenem posthumen Schicksal lastet: Als solches ist zu bezeichnen das Schicksal der anthroposophischen Bewegung seit seinem Tode.

Die Tragödie trägt die Signatur des Datums „8. Februar (1925)“, obwohl die Tat, um die es geht, erst nach diesem Tage geschehen ist und vor diesem Zeitpunkt vorbereitet werden mußte. Es war eine Tat, die das Licht scheute. Nur die Täter wußten damals darum, niemand sonst.

Das Ereignis besteht darin, daß unter dem Datum „8. Februar (1925)“ die seither und bis heute amtierende „Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft“ mit Sitz in Dornach gegründet worden ist. Gründer waren die fünfzehn stimmberechtigten Mitglieder des „Vereins des Goetheanum“, welche en diesem Tage in außerordentlicher Generalversammlung dieses Vereins (lt. Protokoll, GA 37/260a, S.559 ff) „einstimmig“ beschlossen, ihren Verein inskünftig in „Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft“ umzubenennen.

Rudolf Steiner war einer dieser fünfzehn. Er lag am 8. Februar 1925 schwerkrank, er hat en dieser Versammlung nicht teilgenommen. Trotzdem wurde seine Stimme bei der Abstimmung gezählt, denn der Versammlungsleiter, Dr. Emil Grosheintz, hat dort „Rudolf Steiner vertreten“. – Auffälligerweise erwähnte Grosheintz (lt. Protokoll, w.o.) diese zentralwichtige Vertretung nur in einem Halbsatz. Er hatte keine Grußadresse, geschweige Leitgedanken Rudolf Steiners vorzulesen, und er wies auch keine Vertretungsvollmacht vor. Die Abstimmung in jener Versammlung erfolgte global ohne jede Diskussion das gerade Gegenteil der Weihnachts-Gründung von 1923 mit Rudolf Steiner, siehe deren über neun Tage sich erstreckendes Protokoll (GA 260) !

Sodann steht „Rudolf Steiners“ Unterschrift unter demjenigen Dokument, durch welches die Gründung des 118. Februar (1925)– legalisiert ist: die „Anmeldung für das Handelsregister“ (= Vereinsregister, GA 37/260a, S.564 ff, siehe das Faksimile dieses Dokuments im Anhang hier, S. 33 ff).

„Rudolf Steiners Unterschrift“ wurde beglaubigt von dem damaligen Amtsschreiber beim Oberamt Dorneck (-Thierstein), der dabei als Notar fungierte und seltsamerweise des, Dokument mit „Dornach den 8. Februar“ ohne Jahreszahl datierte. Ein allzu merkwürdiges Versehen für einen Amtsschreiber (- Vereinsregisterführer) und Notar ! – Der gleiche Amtsschreiber/Notar erscheint in zahlreichen früheren vereinsrechtlichen Dokumenten (s. bei Saacke!), ohne daß ihm jemals sonst ein ähnliches „Versehen“ unterlief. – Ein deutscher Notar, dem der Verfasser das Dokument des „8. Februar“ im Faksimile unterbreitete, äußerte, dieses weise so viele juristische Mängel auf, daß es von der Registerbehörde niemals hätte akzeptiert werden dürfen. – Zu beachten aber, daß für dieses Dokument der Notar und der Registerbeamte eine Person waren ! – Wir haben hier im Text die Gepflogenheit eingerichtet, das fragliche Ereignis regelmäßig durch die Signatur: „8.Februar (1925)“, mit der Jahreszahl in Klammern, zu kennzeichnen, um dadurch die in der Handschrift des Amtsschreiber-Notars erstaunlicherweise fehlende Jahreszahl nirgends in Vergessenheit fallen zu lassen. Denn dieses Fehlen der Jahreszahl ist für die Interpretation äußerst folgenschwer.

Im übrigen sind in dieser Arbeit die kriminalistischen Aspekte mit Bedacht außer Spiel gelassen. Da der Fall längst verjährt ist, kommen vielmehr nur die Evidenzen und die evidenten Konsequenzen insoweit die letzteren bis heute virulent blieben, in Betracht.

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– Nach alledem ergibt sich folgendes Bild:

Rudolf Steiner hat an Weihnachten 1923, zusammen mit achthundert „Anthroposophie -Freunden“ (vgl.GA 37/260a, S.4021), die -„(Allgemeine) Anthroposophische Gesellschaft“ gegründet, indem er diesen achthundert die sorgfältig von ihm ausgearbeiteten Statuten vorschlug, in welchen seine „Erfahrungen von Jahrzehnten“ Ausdruck gefunden haben (R.St., „Wtgg.“, GA 260,27.12.23, bei § 3), und er diskutierte diese Statuten eine Woche lang geduldig mit den achthundert, welche sie dann Punkt für Punkt (mit geringen Änderungen) einstimmig annahmen.

Dann, wenig mehr als ein Jahr später, am 8.Februar 1925, gründete „Rudolf Steiner“, der schwer krank lag und wenige Wochen später starb, zusammen mit vierzehn anderen Personen, eine zweite Gesellschaft gleichen Namens, „die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft“, auch mit den gleichen Namen im Vorstand wie die des Vorstandes der Weihnachts-Gesellschaft von 1923 – aber mit völlig anderenStatuten. „Er“ hätte dies getan, ohne der ein Jahr vorher von ihm gegründeten Gesellschaft von (damals) 12000 Mitgliedern die geringste Mitteilung darüber zukommen zu lassen. Er hätte seine eigene, hochwichtige Gründung von Weihnachten 1923 gröblich ignoriert und sie – und sich – durch die Neugründung recht eigentlich verhöhnt.

– Hätte Rudolf Steiner dies wirklich getan, so hätte er einen grotesken und frivolen Rechtsbruch begangen, sowohl gegen die , achthundert aus aller Welt, die an Weihnachten 1923 mit ihm zusammen gründeten, als auch gegen die zwölftausend in aller Welt, deren Rote Mitgliedskarten er 1924 sämtlich unterschrieben hatte. Er hätte zudem gehandelt ohne irgend ein erdenkliches Motiv.

Rudolf Steiner war nach allen erhältlichen Zeugenaussagen bei vollem Bewußtsein bis zum Augenblick, als er die Erde verließ. Und es ist selbstverständlich, daß er eines Rechtsbruches, oder einer sozialen Frivolität gegen die Mitgliedschaft der Anthroposophischen Gesellschaft, nicht fähig war.

Nimmt man nur diese zwei Evidenzen ernst, so ist evident, daß das Ereignis des 8. Februar (1925) eine Gewalttat war, verübt an Rudolf Steiner – ein Frevel, begangen von seinen Gegnern, unter Mißbrauch seiner Wehrlosigkeit als ans Bett gefesselter Todkranker, und unter Mißbrauch der Vertrauensbereitschaft, die unter den wohlmeinenden Anthroposophie-Freunden herrschte.

Der vorstehend skizzierten Evidenz wird von einigen die Behauptung entgegengesetzt, *Rudolf Steiner* hätte in Vereinsangelegenheiten willkürlich, selbstherrlich, über die Köpfe der Mitglieder hinweg, also habituell antisozial gehandelt. Diese Behauptung dürfte ursprünglich von den Gegnern Rudolf Steiners ausgestreut worden sein, um sein Ansehen zu schädigen. Doch sie wurde von Wohlmeinenden wiederholt, mit erstaunlichen Resultaten: ‚In dem Augenblick, wo Rudolf Steiner die Weihnachtstagung als gescheitert ansehen mußte, schob er sie beiseite und tat, was der Augenblick verlangte, nämlich der Gesellschaft eine der jetzigen Situation entsprechende Konstitution“, und (am 8.Februar 1925) „dem Bauverein einfach (!) den Namen ‚Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft‘ zu geben“ – so schrieb kürzlich ein Freund (H.K., in „Mitteilungen… „, red. J.Streit, Osterheft 1980, s.Lit.Vz.).

Nach dieser Ansicht hätte Rudolf Steiner die rund 12000 Mitglieder der ein Jahr zuvor von ihm gegründeten Gesellschaft, mit denen er als Vorsitzender in bindendem Vertragsverhältnis stand, als quantités négligeables behandelt, denen er (obwohl jede Woche das Mitteilungsblatt erschien) nicht einmal mitzuteilen brauchte, dass er „die Weihnachtstagung als gescheitert ansah und sie beiseite schob“ , und er hätte Überdies sich nicht gescheut, mit dem Namen der Weihnachtsgründung – dem Namen Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft – eigenmächtig umzuspringen, ohne die zwölftausend um ihre Zustimmung zu fragen! – Der Freund verfolgt offensichtlich nicht etwa die Absicht, Rudolf Steiner zu verunglimpfen. Er möchte ihn nur als einen entschlossenen Mann zeigen, der „tut, was der Augenblick verlangt“ – und so stellt er ihn unversehens als einen Despoten hin, der rücksichtslos über Tausende hinwegschreitet, die in ihm das Ideal des Menschentums sahen. Der wohlmeinende Freund tat dies offenbar nicht mit Bedacht.

Rudolf Steiners eigenes Ideal war allerdings nicht das militärische Kommando über das Schicksal Tausender hinweg, sondern seine Anschauung war: Die von ihm vertretene „Anthroposophie führe zu Ergebnissen, die … zu einem wirklich auf brüderlicher Liebe auf gebauten sozialen Leben führen“ können. Siehe den Abschnitt 3 der Weihnachtstagungsstatuten. – Brüderliche Liebe als Grundlage des sozialen Zusammenlebens verbietet selbstverständlich jede soziale Missachtung, gegen den einzelnen, aber gegen alle erst recht.

Nach einem bereits früh in Umlauf gesetzten Gerede wäre die Namensänderung vorgenommen worden, um eine „Handänderungssteuer“ zu sparen. Dieses Gerede ist unglaubwürdig. Es bestand nie ein Grund, den Goetheanum-Bauverein seines Vermögens zu entkleiden.

Vor einigen Jahren wurde bekannt, daß Rudolf Steiner im September 1924 gegenüber einigen Persönlichkeiten (Eurythmistinnen und anderen) geäußert hat, „Die Weihnachtstagung ist misslungen“. Seither datiert ein neuer, erschreckender Versuch, den „8.Februar (1925)“ als autokratische Eigenmächtigkeit + Rudolf Steiners + zu „erklären“: Er habe die Gründung von Weihnachten 1923″einfach“ fallen gelassen, um – hinter dem Rücken der 12000 Mitglieder ! – eine neue Gesellschaft zu gründen, und er habe weiterhin sogar verfügt, daß das Gründungsdokument dieser Gegengründung geheim zu halten sei! Und so weiter.

Was bei all den Versuchen, den unerklärlich scheinenden „8.Februar“ zu erklären, auffällt, es ist, wie unbedenklich immer wieder auf Kosten Rudolf Steiners „erklärt“ wird. Wie unbedenklich er als ein Mensch hingestellt wird, der seine Nebenmenschen mißachtet, und sogar Recht und Gesetz verachtet habe. Wie kommt es, dass selbst Wohlmeinende immer wieder nicht merken, was sie mit solchem Vorgehen Rudolf Steiner antun? – Es kommt offenbar daher, dass sonst zugegeben werden müsste, dass Rudolf Steiner zum Opfer eines Betrugs hat werden können: Das aber widerspräche der herrschenden Meinung, wonach ein Rudolf Steiner vermöge seiner höheren Fähigkeiten jeden Betrug mühelos hätte aufdecken können Diese evident irrtümliche Meinung steht übrigens in direktem Gegensatz zu klaren Äußerungen Rudolf Steiners über das Wesen der höheren Fähigkeiten und über das moralische Verhalten, das sie auferlegen.

Das biographische Bemühen um Rudolf Steiner muß unter allen Umständen von der Evidenz seiner moralischen und sozialen Integrität ausgehen. Wer dies nicht beachtet, gerät ins Absurde. –

– Die im September 1924 von Rudolf Steiner gemachte Äußerung, „Die Weihnachtstagung ist mißlungen“ darf durchaus nicht in einem absoluten, resignierenden Sinn verstanden werden. Hätte er damals resigniert, so hätte er offenbar die Pflicht gehabt, dies nicht einzelnen, sondern allen zu sagen, und er hätte überdies zugleich als Vorsitzender in aller Form zurücktreten müssen. Für einen Vorsitzenden, der größere Rechtsgeschäfte getätigt hat, käme ein stillschweigendes Verlassen seines Postens einer widerrechtlichen Flucht gleich. – Wo immer man die Dinge anfaßt: jeder Versuch, Rudolf Steiners Integrität „beiseite zu schieben“, gerät ins Absurde.

Jene Äußerung im September 1924, die er an einzelne Menschen richtete, aber gewiß nicht als rein private Mitteilung, er mag sie als einen Weckruf gemeint, und er mag auf weiterführende Reaktionen gehofft haben – die dann nicht kamen.

Angesichts einer Tat wie der des „8.Februar (1925)“ pflegen viele vor allem nach den Tätern zu fragen. In der jetzigen, vorgerückten Stunde des Jahrhunderts ist jedoch die Frage nach den Tätern unsachlich, sogar vom Gesetz verwehrt. Denn insoweit die Rechtspflege sich mit der Tat hätte befassen sollen, ist es zu spät, sie ist verjährt.

Es geht heute nicht mehr um die Täter, sondern um das Ereignis als solches, und um die von der Wucht Getroffenen.

Getroffen von der Tat des „8.Februar (1925)“ wurde in erster Linie Rudolf Steiner, sein damaliges und seither sein posthumes Schicksal. Denn die Wirkung dieser Tat blieb bis heute im vollen Umfang virulent, da das Resultat derselben das bis heute gültige Statut der sogenannten „Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft“ ist. „Rudolf Steiners“ Namenszug auf dem Gründungsdokument schafft noch immer jeder Amtshandlung des am Goetheanum amtierenden Vorstandes der „A.A.G.“ die autoritative Grundlage. Daher denn dieser Vorstand bei umstrittenen Amtshandlungen sich ausdrücklich auf diese, „Unterschrift“ Rudolf Steiners zu berufen pflegt.

Eine Unterschrift Rudolf Steiners unter die Statuten der Weihnachtstagung, um diese zu legalisieren, scheint es nicht zu geben. Warum nicht? Hätte Rudolf Steiner es einfach versäumt, eine solche zu setzen und sie beglaubigen zu lassen? – Dies hätte ihn doch nur wenig Zeit gekostet, so daß die Behauptung, er habe im ganzen Jahr 1924 nie die Zeit hierzu gefunden (vgl. S.301) jeder Glaubhaftigkeit entbehrt. Hat er doch 1924 zwölftausend mal seinen Namen unter die roten Mitgliedskarten gesetzt ! Hätte er dies getan, obwohl er „wegen Reisen und Krankheit“ nicht die Zeit fand, zuerst das Grundlagedokument zu unterzeichnen, das ihn zu jenen 12000 Namenszugsetzungen erst berechtigte? – Und wenige Wochen vor seinem Tode hätte er dann dennoch Zeit und Kraft gefunden, um ein seine eigene Gründung vernichtendes statutarisches Gegengründungs-Dokument durch seinen Namenszug zu legalisieren -,einen Wechselbalg gleichen Vereinsnamens, aber durchaus anderen Charakters ! – Denn ihr Statut bestimmt einer Gesellschaft den Charakter.

– Das Dokument des „8.Februar“ ohne Jahreszahl ist manipuliert. Es hat den überaus kundigen Gegnern Rudolf Steiners dazu gedient, fremdes Karma, das er nicht verschuldete, auf ihn „sich entladen“ zu lassen, und diese „von anderen erschuldete Selbstheitsschuld“ lastet tragisch auf ihm noch. – Und jede Amtshandlung unter Berufung auf seine Schein- „Unterschrift“ auf dem Gegengründungs-Dokument der 116.Februar-Gesellschaft“ vermehrt ihm die Last. Und diese Furchtbarkeit wird immer weiter sich steigern, bis endlich Freunde Rudolf Steiners sich finden, die bereit sind, die Dinge zur Kenntnis zu nehmen, sie auch ernst zu nehmen, und so allmählich sie ihm abzunehmen.

In früheren Zeiten – so hat Rudolf Steiner in einem Vortrag aus geführt, pflegte es „das Dämonische“ zu sein, was Menschen in die Tragik führte: Damit ist es vorbei. Menschen, die heutigentags sich von dämonischen Mächten besessen sein lassen, werden nie mehr zu tragischen Gestalten, sondern nur zu verbrecherischen, die kein näheres Interesse verdienen. Heutigentags muss kein Mensch sich den Dämonen hingeben, denn „wir stehen heute im Zeitalter des frei werdenden Menschen, wo er als dämonischer Mensch eigentlich ein Anachronismus ist“. – Was aber „beim modernen Menschen zur tiefen innerlichsten Tragik führen“ kann, ist „das Erleben des Karma“: „Was kann aus einem Worte, das ich ausgesprochen habe, alles werden! Das Wort lebt weiter….(Es) wird eine Gewalt, die aber von dem Menschen ausgegangen ist. Das ist sein Karma, … das sich wiederum zurück auf ihn entladen kann. Da kann … durch das Wort, das sein eigenes Dasein führt, … das Tragische werden.“ (R.Steiner Vtr.v.9.6.23, GA 276).

Die ärgste Tragik aber „wird“, wenn geschriebenes Wort und gar ein Namenszug als „Unterschrift“ auf einem folgenschweren Dokument missbräuchlich „steht“ und posthum Wirkung tun muss. Und wenn die Freunde des Missbrauchten ihm nicht zu Hilfe eilen – wollen.

– Getroffen wurde von diesem Karma und der Tragik mit Rudolf Steiner auch die von ihm auf Erden repräsentierte anthroposophische Bewegung. Diese konstituiert sich existentiell aus denjenigen höheren, den michaelischen Geistern, welche Rudolf Steiner inspirierten.

Und getroffen wurde drittens jeder einzelne Angehörige des anthroposophischen Karmakreises.

Auf diese dreierlei von dem Schicksalsschlag des „8.Februar (1925)“ Getroffenen kommt es an.

Die eigentlichen Urheber der schlimmen Taten sind wohlbekannt. Es sind jene „ahrimanischen“ Geister, die sich der von Rudolf Steiner auf Erden entfachten anthroposophischen Bewegung entgegenstemmen. Dazu diejenigen der „luziferischen“ Geister, die sich den ersteren zu dienen anheischig gemacht haben. – Solche Unsichtbaren pflegen sich in Gestalt menschlicher Schwächen zu manifestieren und so ihre Ziele zu erreichen. – Auf sie alle kommt es nicht en, und auch nicht auf die Menschen, die den Schwächen unterliegen, solange sie unterliegen.

Vor dem ungeheuren Tatbestand des Schicksals Rudolf Steiners, der anthroposophischen Bewegung und des zu ihr gehörigen Karmakreises verblaßt die Frage nach den Tätern und einzig die Frage nach dem Schicksal der guten Geister bleibt wesentlich. So wie im Angesicht der Passion, die nach Golgotha führte, alle Fragen nach irgendwelchen „Kaiphas, Pilatus oder Judas“ müßig wurden.

Leser der Erstauflage, die nicht genau genug lasen, haben in den Partien mißverstanden, wo von Günther Wachsmuth die Rede ist. Daher sei in diesem Vorwort vorweg festgestellt, daß der Verfasser nicht Günther Wachsmuth für den Urheber der ungeheuren Tat des 8. Februar (1925) hält, und auch nicht für den Schuldigen, der sie zur Ausführung brachte. Für beides war Günther Wachsmuth damals viel zu jung: schon dieser Umstand entlastet ihn. – Die Schuld, die ihm allerdings zur Last fällt, besteht darin, daß er die Tat verteidigte, offenbar wider besseres Wissen. Zu der Verteidigung bediente er sich zahlreicher objektiver Unwahrheit en. Da eine Übeltat nicht anders zu verteidigen ist, blieb ihm „keine Alternative. – daß er nicht gewußt hätte, dies zu glauben, verbietet seine evidente Intelligenz. Jedoch Günther Wachsmuth stand in ganz bestimmten schicksalhaften Bindungen.

Das Interesse der Verstorbenen ist bekanntlich anders gewendet als das der Lebenden. Der Verstorbene empfindet ein intensives inneres Bedürfnis, daß in Ordnung komme, was durch ihn im Leben verfehlt ward. Er begehrt jede Wahrheit, die er im Leben nicht hat zur Geltung kommen lassen, und er drängt mit Ungeduld, daß zurecht gerückt werde, was er im Leben ins Unrichtige oder Unrechte geschoben hat. – Ein Leser, der dem Verfasser schrieb, hat bemerkt, daß in diesem „Exposé“ das verborgene Wahrheit-Begehren und Drängen nach Zurechtrückung fühlbar ist, welches der im März 1963 verstorbene Günther Wachsmuth auf seiner Rückwärtswanderung durch das vergangene Leben ausstrahlt. Diesem Begehren und Drängen Gehör zu schaffen, ist der Liebesdienst, den man diesem Verstorbenen heute erweisen kann.

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Jedoch nicht von Günther Wachsmuth, sondern von der Passion Rudolf Steiners, welche seine Gegner damals ihm bereiteten, damit sie posthum weitergehe, handelt dieses „Exposé über den Ursprung der sogenannten Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft“.